Achtung, fertig, Sterne, los...
- Walter B.
- 29. Apr. 2020
- 5 Min. Lesezeit

Er blickt hastig auf die Uhr. Es ist kurz vor halb drei. Finn ist im Krankenhaus und wartet darauf, dass er aufgerufen wird. Seit neuestem bekommt jeder Patient, entspricht einem Menschen, eine Nummer und wenn diese am Display der Zeit aufscheint, dann darf sich die Nummer in einen klinisch, weißen Raum begeben um dort sein Urteil, sprich Diagnose zu bekommen. Finn kaut auf seinen Nägeln, er ist nervös, innerlich hofft er, betet er. Seine Handflächen schwitzen und die Nummer am Zettel in seiner Hand verrinnt sich. War es die vier oder doch die vierzehn?
Eine Milchglastür öffnet sich leise, eine junge Frau kommt heraus, ihre Augen tränen, zeigen den Schmerz der Wahrheit und sie flucht leise vor sich hin. Ihr Kopf ist gesenkt und sie geht zum Mistkübel und füttert ihn mit ihrem Nummernzettel.
Ein Gefühl sagt ihm, dass er aufstehen solle und mit der Frau sprechen müsse. Doch das Display der Zeit nimmt ihm diese Chance, es blinkt und ruft förmlich nach ihm. Nummer vier, Abmarsch in den Behandlungsraum zwei schreit es. Also setzt er sich in Bewegung und denkt sich:“ Jetzt oder nie.“ Er beißt sich auf die Unterlippe als die Tür aufgeht und der weiße Raum in verschluckt.
Sie blickt sich um, ein Raum voller wartender Menschen, voller Hoffnung, Trauer und Schmerz. Für einen kurzen Augenblick sieht sie einen jungen Mann, nicht älter als 24. Er wirkt nervös, ängstlich, fast schon liebevoll süß, wie ein Kinderüberraschungsei. Im ersten Moment ist es schüchtern, introvertiert, schält man es aber aus der Verpackung, wird es wild und unberechenbar, knackt man die Schokolade auf, genießt sie, verzaubert einen der Hauch von Überraschung, was steckt wohl in ihm? Sie wollte gerade zu dem jungen Mann gehen, da merkte sie, wie er aufspringt und zum Behandlungsraum zwei schleicht und Plopp, war er weg, eingesaugt von einem weißen, nichts sagenden Raum.
Wie stellt man sich so einen Behandlungsraum im Krankenhaus vor? Ganz genau: „ Weiß, weißer, am Weißesten, gespickt voll mit Instrumenten und einem bis anscheinend fünf Ärzten, in Ausbildung, oder schon fertig und ratet mal, ja ganz genau, alle tragen sie einen weißen Kittel.“
„Hallo“, höre ich einen Mann in weißer Uniform sagen. „ Sie haben die Nummer vier?“, fragt er. Verdutzt grinse ich ihn an und hebe meinen Nummernzettel in die Höhe, so als hätte ich gerade einen Marathon gewonnen und würde allen Journalisten meinen Pokal und meine Medaille entgegenwerfen. Dann sagt eine Dame, die in ihrer weißen Tracht, fast wie ein Engel über den Boden schwebt und direkt auf mich zusteuert: „ Wollen sie sich nicht setzen, Herr Kodolski?“
„Moment“, denke ich, „wieso ist sie auf einmal so förmlich nett zu mir, Shit das bedeutet nichts Gutes, oder?“
Ich nehme auf einer weißen Bank Platz und fühle mich wieder wie ein kleiner Schuljunge, im Kammerl der Schulärztin vor ziemlich genau zehn Jahren, als ich mir beim Versuch des Handstützüberschlaglernens, den Knöchel verstaucht hatte und wartend in die tiefblauen Augen der Schulärztin blickte.
„Verflucht nicht schon wieder“, dachte ich mir, als ich in die tiefblauen Augen, der in weißgehaltenen Doktorin starrte.
Für einen kurzen Moment steht die Zeit still und als sie zu mir rüber schwebt, muss ich an das zauberhafte Gesicht, der weinenden Frau aus dem Warteraum denken.
„Darf ich Finn zu ihnen sagen, Herr Kodolski?“, brummt ein alter, kleiner Mann aus der letzten Reihe zu mir rüber. Während die Turnusärztin meinen Blutdruck zu messen beginnt.
„Natürlich“, werfe ich ihm entgegen und dann sagt er zu mir: „Es freut mich sehr, dir sagen zu können, dass du keinen Krebs mehr hast, du bist geheilt, wir werden alle sechs Monate eine Nachkontrolle machen, damit wir auf Nummer sicher gehen können, ich gratuliere, du hast gewonnen.“
Freudig blicke ich in die Runde und dann spring ich von der weißen Bank, drücke die Ärztin mit den tiefblauen Augen, herze den alten, kleinen Mann und küsse die Glatze eines anderen Kittelträgers.
Ich rufe: „ Danke hier und unfassbar dort“, dann dreh ich mich zur Tür und lande wieder im Warteraum.
Ich grinse in die Runde, sehe all diese wartenden Nummern vor mir und denke: „ What the Fuck!“
Ein Junge mit Glatze lässt von seinem Handy ab und sieht mich durchdringend an. Ich brauch nicht rübergehen zu ihm und ihm zu erklären, dass er es auch schaffen wird, ein bloßes Nicken reicht. Er erwidert es, hat mich verstanden und lächelt mich an.
„Ja, ich habe verdammt noch mal mehr zu geben, als mir die Krankheit in den letzten Monaten genommen hat“, denke ich mir und gehe aus dem Krankenhaus.
Mein Körper fühlt sich gut an, lebendig. Die Sonne lässt mich freudig auf und ab zappeln als ich zur Bushaltestelle schlendere.
„Endlich bin ich wieder ein Mensch und keine Nummer mehr!“, schreien mir meine Gedanken entgegen.
„Ich heiße Lea, du warst gerade im Krankenhaus, ich habe dich dort gesehen, eigentlich wollte ich dich dort…“, weiter lasse ich sie nicht sprechen. Ich nehme sie in den Arm und drücke sie ganz fest an mich.
„Mein Name ist Finn und du bist ein wundervoller Mensch“, sage ich zu ihr als ich sie langsam etwas loslasse und ihre Sommersprossen entdecke. Sie muss schmunzeln, wird rot.
Ohne viel zu sagen, nehme ich Lea an der Hand und sie folgt mir. Wir gehen weg vom Krankenhaus, entfernen uns immer mehr. Wir lachen und sprechen über uns, erzählen von einander, hören einander zu. Die Zeit verrinnt vor meinen Augen, aus Stunden werden Minuten und aus Minuten Sekunden. Plötzlich finden wir uns inmitten der Innenstadt wieder. Es wird langsam dunkel und der Mond wirft seinen Glanz auf die Erde. Wir gehen zum Würstelstand und gönnen uns eine Eitrige und ein Bier. Lea strahlt über das ganze Gesicht, sie strahlt wie einer dieser massereichen, selbstleuchtenden Himmelskörper.
Wir spazieren durch die Gassen der Nacht, angetrieben vom Mondschein und gesteuert durch das Funkeln der Sterne.
„Ich bin Lehrerin und werde vermutlich…“, weiter lasse ich sie nicht kommen, lege ihr meinen Zeigefinger auf die Lippen und zeige nach oben.
„Siehst du all diese funkelnden Sterne da oben, weit, weit weg von uns?“, frage ich sie.
Sie nickt still und Tränen sammeln sich in ihren Augen.
„Irgendwann einmal, werden wir alle zu so einem wunderschönen Stern, der in der Ferne strahlt und uns Menschen zu Menschen macht.“
Sie haut mir auf die Schulter. Ich verziehe vor Schmerz das Gesicht und sage „AUA, wofür war das jetzt?“
Lea grinst mich an und schluckt ihre Tränen hinunter.
Dann nimmt sie meine Hand, hält sie fest und läuft los. Ich an ihrer Seite hinterher, Hand in Hand, ohne Angst und Zweifel.
Am Wienfluss wird sie langsamer, wir schwitzen und lachen gemeinsam. Sie setzt sich auf eine Bank, lässt meine Hand nicht los. Wir sehen einander an, brauchen nichts zu sagen, spüren was der Andere denkt, grinsen uns an.
Als Finn aufwacht sieht er zuerst nur die Sterne. Er lacht ihnen entgegen und denkt sich: „ Achtung, fertig, Sterne, los… jetzt kann ich endlich wieder leben, ohne mir ständig Angst zu machen, frei vom Gedanken, was morgen sein wird.“
Eine Sternschnuppe huscht über das Himmelszelt und da spürt er die Hand von Lea in der seinen. Sie atmet nicht mehr, ihre Augen sind geschlossen und ihre Sommersprossen werden vom Mond erleuchtet, auf ihren Lippen liegt ihr Lächeln, das Lächeln des Lebens.
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